Früher war alles besser

Wenn Mann/Frau älter wird, dann kommt sehr oft der Gedanke hoch, dass die Alten damals doch recht hatten. Wie oft hatten wir als Kinder von Oma, Opa, Tante, Onkel und den vielen Freunden unserer Großeltern, den Spruch „Früher war alles besser“ gehört. Wie war es denn früher? Es war Krieg, Hunger und Not! Damals, früher, bei Krieg, Hunger und der damit verbundenen Armut kann es doch nicht besser gewesen sein? Und „heute“, wo die Supermärkte voll und alle ein Smartphone und Laptop haben, ist es nicht gut? Als Kinder haben wir dieses „Früher war alles besser“ nicht verstanden und heute ertappen wir uns bei dem Gedanken „Früher war alles besser“. War es früher wirklich besser und warum sehen wir das heute auch so?

Was war früher besser?

Was war früher besser und warum kommen wir früher oder später alle (mehr oder weniger) an diesen Punkt die „gute alte Zeit“ zu vermissen bzw. ihr nach zu trauern? Liegt es am Älter werden? Werden wir mit zunehmenden Alter sensibler für unsere Umwelt oder einfach nur „kindlich“?

In jungen Jahren kommen wir nicht auf die Idee, dass früher alles besser war. Jeder lebt sein Leben in mehr oder weniger vollen Zügen, genießt und denkt nicht weiter darüber nach. Das Leben ist einfach schön, es liegt noch vor uns, uns zu Füßen und alles ist möglich und machbar.

Mit zunehmendem Alter, wenn die Geburtstagszahl dem Rentenalter immer dichter rückt, ertappen wir uns öfters beim Zurückschauen auf unser Leben. Der Eine oder Andere wird sich zufrieden mit dem Erreichten zurücklehnen können und bestimmt auch nicht das „Früher war alles besser“ verstehen. Aber den meisten „Alten“ geht es anders. Gehen sie in den Supermarkt zum Einkaufen, schauen am Ende des Monats auf ihr Konto oder muss das Auto in die Werkstatt, dann kommt sehr schnell die Erinnerung an die guten alten Tage hoch.

Früher und heute, lieber früher?

„Früher war alles besser“. Ja, wir hatten eine Wohnung, Arbeit, ein mehr oder weniger dickes Sparbuch und immer genügend Zeit für unsere Familie und Freunde. Die Wohnungen hatten vielleicht nicht alle Fernheizung, manche wurden noch mit Kohlen und Holz geheizt, was jeder selbst machen musste. Wenn man früh für die Arbeit aufstand, war die Wohnung dann meist schon wieder kalt. Das störte aber nicht (keine Ahnung warum), das war normal und okay so wie es war.

Und bei dem Thema Arbeit, ja da kann ich schon mal sagen, da war es definitiv besser. Wer musste schon über seinen Arbeitsplatz nachdenken, ob er ihn nächsten Monat, in einem Jahr oder kurz vor der Rente noch haben wird? Es war wie das ungeschriebene Gesetz klar und sicher, dass Mann/Frau seinen/ihren Beruf auch bis zur Rente ausüben wird, wenn er/sie es so wollte. Es war sicher, dass Mann/Frau ihren Job nicht verlieren wird. Sicherheit im Beruf, gutes Verhältnis zu den Arbeitskollegen und finanzielle Freiheit für Jedermann war normaler Alltag, das mit begrenzter Reisefreiheit und ohne Smartphone im Dauereinsatz.

„Früher war alles besser!“ Am Ende des Monats blieb genügend Geld auf dem Konto. Nach der Arbeit mit den Kollegen ein Bierchen trinken, frische Brötchen für gerade mal 10 Pfennig pro Semmel vom Bäcker und pünktlich Miete bezahlen, konnte sich Jeder leisten. Die Kinder spielten gemeinsam Sommer wie Winter draußen, Kinder-Freundschaften hielten bis ins Erwachsenenalter und die Großeltern waren, oft täglich, in der Familie integriert. Die Menschen waren ausgeglichen. Jeder hatte Zeit für den Anderen, Nachbarschaftshilfe und „Eine Hand wäscht die Andere“ gehörte zum guten Ton und Alltag.

Ja, früher war alles besser, jedenfalls zu meiner Zeit. Da gab es keinen Krieg, für jeden ein Dach über den Kopf und für Kinder genug Platz zum Spielen und Nachbarn, die auf sie achteten. Ein sorgenfreies Leben … Aus heutiger Sicht flogen uns fast die gebratenen Tauben in den Mund. Körperlich schwere Arbeit wurde mit höherem Lohn als Bürojobs honoriert. Die Lohnentwicklung fühlte sich gerecht an. Mann/Frau waren zufrieden und murten eher wegen der fehlenden Reisefreiheit. Luxusgüter waren noch Luxusgüter und eine Waschmaschine wurde zum Beispiel in Qualität produziert und wertgeschätzt und war kein Wegwerfprodukt.

Macht die gewonnene Reisefreiheit das „Heute“ nicht besser?

Heute dürfen wir in jedes Land der Welt reisen. Wir dürfen überall hinreisen!!! Wir dürfen reisen, aber natürlich nur, wenn wir es uns auch leisten können oder besser gesagt „Schulden, Leasing und so weiter gehören doch zum guten Ton“. Doch wer kann es sich einfach so leisten? Wie oft höre ich, dass die Ersparnisse des ganzen Jahres für den Urlaub drauf gehen und oftmals nicht komplett reichen. Ich habe das Gefühl, dass die Leute heute fast nur noch für ihren Urlaub das ganze Jahr arbeiten gehen, um nach dem Urlaub von Neuem mit dem krampfhaften „beiseitelegen für den Urlaub“ zu beginnen.

Da finde ich wieder „Früher war alles besser“. Wir durften zwar nicht überall hin, nicht zu Weihnachten unter Palmen sitzen oder am Ballermann ausgiebige Trinkgelade abhalten, doch dafür haben wir Weihnachten mit unserer kompletten Familie unterm Weihnachtsbaum gefeiert und fuhren im Sommer an die Ostsee. Es kommt ganz offensichtlich immer auf den Blickwinkel an und dieser wird nun mal sehr stark von unserem „Zufriedenheitsgefühl“ gesteuert.

Zufrieden sind wir aber ganz offensichtlich nicht, wenn in uns der Gedanke: „Früher war alles besser“ immer wieder und immer öfter hoch kommt!

Digitale Freiheit – gleichbedeutend mit Entfaltung oder Einsamkeit?

Früher war alles besser, da gab es Festnetztelefone, über die wir uns erreichten, natürlich nur, wenn der Andere ein Telefonanschluss besaß und grad zuhause war. Die Nachbarn leisteten hier gern Nachbarschaftshilfe und sagten immer gleich Bescheid. Computer und tragbare Computer gab es für den „Normalbürger“ nicht, war ja auch nicht nötig. Die Kinder und Erwachsenen lasen noch echte, gebundene Bücher.

Trotz alle dem, Smartphone, Laptop und Internet kann ich mir heute überhaupt nicht mehr weg denken. Mir würde diese digitale Freiheit wahnsinnig fehlen, doch öfters frage ich mich schon, was es mit uns über die Jahre gemacht hat und was wird es mit uns Menschen in kommenden Jahren noch machen. Wie wird uns diese digitale Freiheit noch verändern, unser Leben weiter verändern, das Miteinander verändern und eventuell auch unsere Erde verändern?

Im Internet kann Mann/Frau sich so schön verlieren, der realen Welt entfliehen, die Augen vor Problemen schließen und selbst der Familie die Tür vor der Nase zuschlagen. Falsche Identitäten sind sehr einfach erstellt, Laien veröffentlichen Gesundheits-Ebooks unter ihrem Doktor- Pseudonym und die Überwachung funktioniert weltweit bestens mit den überall eingebauten Kameras.

Die digitale Freiheit gibt Mann/Frau/Junge/Mädchen die Freiheit nach außen, die Freiheit im Internet, der oder die zu sein, die sie sein möchte. Die Freiheit reicht so weit, dass das Wissen im Internet nicht auf die verfügbaren Bücher der Stadtbibliothek beschränkt ist, sondern Jeder, aber auch wirklich Jeder seine Erfahrungen, sein Können, sein Wissen oder auch Nicht-Fachwissen mitteilen, mit ihnen teilen kann. Bedeutet dies aber auch gleichzeitig, dass Jeder sich hier entfalten kann bzw. muss?

Unsere Welt ist durch das Internet sehr klein geworden. Der „kleine Emma-Laden“ um die Ecke, in dem man immer mal kurz ein Pläuschchen mit „bekannten Gesichtern“ hielt, heißt heute Amazon & Co und ist 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche geöffnet. Dort trifft Mann/Frau bei Problemen auf immer neue „Kundenberater“, die vorgefertigten Antworten und selten persönliche Worte benutzen. Persönliche Belange, Sorgen oder Ängste werden nicht mehr mit der besten Freundin bzw. dem besten Freund geteilt, sondern meist in sozialen Medien durch das weite Internet gestreut.

Aufmunternde Worte, die beruhigende Hand auf dem Arm oder die Hilfe bei der Einkaufstasche sind vorgegebene Smilies, digitale Tassen Kaffee oder ein Gutschein für den nächsten Internetshop. Und da meckern wir unser „Früher war alles besser“? Da muss ich doch einfach mal einwerfen, dass uns so doch wenigstens keiner mehr zu dicht auf die „Pelle rutsch“, wir unsere Ruhe haben und jetzt doch viel mehr Freunde bei Facebook & Co besitzen, als unsere ganze Stadt/Gemeinde groß ist.

Warum frag ich mich, war dann „Früher alles besser“? Es ist doch heute einfach nur anders, moderner, fortschrittlicher und freier! Müssen denn die sogenannten „Alten“ immer und in jeder Generation einfach nur rum meckern über das, was aktuell ist und dem Vergangenen nachtrauern?

Ja!

Ja, weil sie recht haben? Oder nein, weil sie es ja auch irgendwie nie wirklich begründen?

Älter werden bedeutet gleich Einsamkeit?

Ich hasse eigentlich diese ständigen Hin-und Herfragereien, anderseits muss ich aber immer auch alles bis ins Kleinste auseinandernehmen, bis ich es verstanden, nachvollziehen oder verwerfen kann. Das „Früher war alles besser“ kann ich aber nicht verwerfen, nachvollziehen teilweise und verstehen überhaupt nicht. Warum muss bitte schön alles, was gut in einem System/Generation gewesen ist, komplett weggeworfen werden?

Warum zum Beispiel benötigen wir Fachkräfte aus dem Ausland und wieso ist unsere Jugend so dumm oder faul geworden, dass wir keine eigenen Fachkräfte mehr haben? Sitzt unsere Jugend alle im großen, freien, weitem Internet fest und findet den Weg nicht mehr nach Hause, nicht mehr zu den Freunden in ihrer realen Umgebung und nicht mehr den Weg in die Schule und zum Arbeitsplatz? Oder liegt es einfach daran, dass unsere Jugend keine Perspektive mehr hat, oder sieht sie diese einfach nur nicht? Greift das Internet sich nicht nur unsere Kinder und Jugend? Merken wir nicht mehr, dass auch Familien zerbrechen, weil die Eltern und sogar Oma und Opa bei dem riesigen Internet – Spiele – Angebot keine Zeit mehr für das Leben mit der Familie, das Zwischenmenschliche haben?

Selbst im Familienurlaub hängen alle an ihren Smartphones im Internet fest. Ohne Internet und digitaler Freiheit, wissen wir nichts mehr mit uns und erst recht nicht mit dem anderen etwas anzufangen. Reisen durch die ganze Welt, ob vom Sofa oder in der Schule, kostet nur einen kleinen Klick. Für Small Talk braucht sich niemand mehr aus dem Haus „bequemen“, kann in „Freizeitklamotten“ und nur mit einem Finger seine riesige Freundeszahl „beglücken“ und sich sogar feiern lassen. Coole Sprüche werden mit einem Klick geteilt, Partybilder in die ganze Welt verteilt und das öffentliche Bloß-Stellen ist super leicht geworden. Wer nicht mitzieht, mit klickt, mitteilt, der steht ganz schnell alleine da. Doch da frag ich mich jetzt ernsthaft mal, merkt denn niemand, dass wir so langsam, doch alle in unserem realen Leben innerlich vereinsamen? Bei diesem riesigen Freiheitsangebot vereinsamen nicht nur Einzelne, es vereinsamt so Klick für Klick die ganze Welt.

Besonders bei den „Alten“ fällt es mir fast täglich auf. Im Alters- und Pflegeheim sowie in ihren Wohnungen/Häusern sitzen so Viele heutzutage und warten auf den Besuch ihrer Kinder. Bei der vielen Arbeit, dem Stress und der Internetflucht finden diese jedoch den Weg nicht zu den „Alten“. Der Weg aus dem Internet ins Altersheim ist gerade in dieser Jahreszeit recht kalt und weit. Die Benzinpreise steigen und der Job ist bei den allerwenigsten noch sicher. Besuchszeiten, Zeiten zum Reden und Zeit zum Abschalten findet sich in unserer heutigen hektischen digitalen Freiheitszeit irgendwie nicht so recht mehr. Wo es nicht gerade „brennt“ wird ignoriert. Zwischenmenschliche Gefühle und Interaktionen scheinen fast vollkommen ausgeblendet.

Ist es da eigentlich wirklich verwunderlich, das die „Alten“, die „ganz Alten“ und wir, die „fast Alten“ sehen, glauben, dass es doch früher alles besser war? Es war zu der Zeit, auf die wir zurückschauen, garantiert für uns nicht bewusst die beste Zeit. Doch rückblickend aus der heutigen Zeit, war die alte Zeit besser. Da gab es Familie, auch wenn sie uns damals sicher oftmals nervte. Heute ist keiner mehr wirklich da. Da gab es Freunde, Arbeitskollegen und liebe Bekannte, die alles von einem wussten und von denen man auch die kleinsten Geheimnisse kannte. Heute ist alles mehr oder weniger anonym. Und ja, wir spielten damals auch schon Lotto, obwohl es keine Millionen zu gewinnen gab. Damals reichten diese kleine Gewinngefühl zum großen Glück. Würden uns heute Millionen glücklich machen? Könnten Millionen das Heute besser machen?

Meine Antwort darauf lautet schlicht: Früher war alles besser, nicht weil es leichter war, nicht weil es früher war, sondern weil wir reich an Gefühlen waren, Zufriedenheit und Geborgenheit erfuhren und nicht dem Geld nachjagen mussten!

Schreibe einen Kommentar

Name *
E-Mail-Adresse *
Website

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.